Krauss in Bonn – die Fortsetzung

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Unter dem strengen Blick diverser Philosophie-Stars ging der Bonner Auftritt von Lawrence Krauss heute im Großen Seminarraum 1.070 des Philosophischen Instituts weiter – wo sich verblüffend wenig Widerstand gegen Krauss‘ kompromisslose Kosmologie regte.

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Auch sein Gastgeber und ‚Widerpart‘ Markus Gabriel (r.) outete sich sogleich als Physikalist und Realist, für den die Physik die Basis allen Seins ist. Revisionäre Metaphysik etwa? Die „is just crazy“. Gegenpositionen waren auch aus dem Publikum nicht zu vernehmen – dagegen bei mindestens einem Hörer arge Selbstzweifel: Ob man denn als Philosoph heute noch zu etwas nutze sei?

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Krauss definiert Wissenschaft als „empirical evidence combined with rational investigation“: Nur die Daten zählen, „the facts of Nature come from measurements“, während reine Introspektion keine Informationen über die Welt da draußen liefert. Aber so einfach ist es auch wieder nicht: „All we do is models“, wobei Messungen und Mathe immer gut sind, „Logik“ aber nicht unbedingt – z.B. wenn ein Elektron an vielen Orten zugleich ist.

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Auch gilt keine Theorie immer perfekt auf allen Skalen: Auch die QED – auf 12 Stellen präzise – versagt auf kleinsten Skalen. Philosophie sei immer dann nützlich, wenn die Fragen (noch) zu undeutlich gestellt sind; das menschliche Bewusstsein ist ein ganz schwerer Fall davon. Wenn alles gut geht, wird es nächstes Jahr übrigens noch fundamentaler: Da soll Richard Dawkins in die hehren Bonner Hallen eingeladen werden.

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„Cosmology for Philosophers“: Lawrence Krauss in Bonn

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Im Rahmen der Ernst Robert Curtius-Vorlesungen des Internationalen Zentrums für Philosophie NRW absolviert derzeit der US-Physiker Lawrence Krauss seine beiden Auftritte an der Uni Bonn. Die knapp anderthalbstündige ‚Cosmology for Philosophers‘ heute in Hörsaal 1 begann gleich mit dem Fazit, gefolgt von den Grundlagen des Lambda-CDM-Modells …

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… bis zu seiner zentralen philosophischen Konsequenz: Da Omega_total=1 zu sein scheint, halten sich im Kosmos insgesamt kinetische und potenzielle Energie die Waage. D.h. seine Gesamtenergie ist null – und eine Entstehung aus dem Nichts ein geradezu trivialer Vorgang. „Nothing is unstable to forming something“, ist die Kernaussage, und: „Gravity plus quantum mechanics allows space (and possibly time) to appear from nothing.“ Wobei das so auf der Folie stand, er aber von ’spaces‘ und ‚times‘ sprach: Mit Multiversen hat Krauss kein Problem, womit auch gleich alle Finetuning-‚Probleme‘ dieses Kosmos wegfallen.

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Die größte Überraschung (für diesen Blogger): Krauss ist immer noch ein großer Fan des BICEP2-Experiments und seines vermeintlichen Nachweises von Gravitationswellen des Urknalls – für ihn die größte Entdeckung in der Geschichte der Menschheit, die geradezu Metaphysik zu Physik habe werden lassen. Indizien dafür, dass zumindest nicht das ganze Signal nur von Staub in der Galaxis stammt, sieht er in der Abb. 9 auf Seite 15 jenes Planck-Papers, das allgemein als Todesstoß für den Gravitationswellen-Nachweis angesehen wurde. Denn der Staub sagt ein für alle Skalen konstantes Signal voraus, während BICEP (oben) und – vage! – nun auch Planck einen geschwungenen Verlauf im Einklang mit der Inflations-Vorhersage zeigen. Krauss bestätigte, dass beide Teams derzeit an einem gemeinsamen Paper arbeiten, das bis Jahresende vorliegen werde: Erst dann wird man mehr wissen.

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Mit der grauslichen Zukunft schließlich meinte Krauss jenen Effekt der beschleunigten Expansion des Universums, dass immer mehr Galaxien hinter dem Horizont verschwinden, bis nur noch die Milchstraße überblickt werden kann: Jeder Hinweis auf die expandierende Welt sei dann verschwunden – und die beobachtende Kosmologie de facto da, wo sie vor 100 Jahren war. Und dann gehen in der Galaxis die Lichter aus … nicht jedoch in der Bonner Uni, wo sich (wiederum überraschend für diesen Blogger) ein Empfang für alle Hörer anschloss, ein Symposion im Sinne der alten Griechen sozusagen, denn auch der Wein floss reichlich.

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Ulis Gaia-Show, die zweite

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Kaum auf der Tagung in Bamberg („Brillianter Vortrag von Uli …“) gesehen, heute Uli Bastian schon wieder auf der Bühne in Sachen Gaia, diesmal im plötzlich im Bestand bedrohten Deutschen Museum in Bonn. Neue Erkenntnisse hier: Man hofft jetzt, statt einer sogar 1.5 bis 2 Milliarden Sterne im endgültigen Katalog zu haben, der erste – 2016 – kann sowohl komplett herunter geladen (mit 100 Byte pro Stern, macht also 100+ TB) als auch online über diverse Datenzentren genutzt werden, und die Spiegel sind nach der jüngsten Heizung mal wieder perfekt eisfrei (Punkte ganz rechts in der Grafik). Jetzt heißt es Daumen drücken, dass die geheimnisvolle Quelle des sich dort niederschlagenden Wasserdampfs – wohl Subsysteme des Satelliten – allmählich versiegt: Das nervt langsam.

Auch interessant: Die Idee von Gaia war 1992 entstanden (mit Bastian von Anfang an dabei), noch während Hipparcos arbeitete. Eine Milliarde statt von dessen einem Photodetektor, wesentlich größere Hauptspiegel, dadurch eine dramatische Steigerung von Sternzahl, Präzision und damit wiederum des erfassten Volumens der Milchstraße, zugleich aber das sich gerade im Orbit bewährende Messprinzip – der nächste Schritt war so klar, dass auch die ESA schnell überzeugt wurde. Aber jetzt ist kein offensichtliches Nachfolgeprojekt für Gaia erkennbar; die eigentlich logisch erscheinende Forderung nach einer zweiten Gaia („Im Splintermeeting H …“) 20 Jahre später dürfte mangels Innovation und dramatisch neuem Science Case kaum eine Chance haben. Nach einer guten Stunde Vortrag gab’s noch rund 45 Minuten Diskussion.

Eine NASA-Telecon … aus purer Begeisterung

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Heute Abend berichteten mehrere Teammitglieder des neuen NASA-Marsorbiters MAVEN in einer Telefonkonferenz mit Reportern über erste wissenschaftliche Erkenntnisse nach nur drei Wochen im Orbit, zeigten interessante Visuals und brachten ihre Begeisterung über den perfekten Verlauf der Operation bisher zum Ausdruck. Und ob man wollte oder nicht (dieser Blogger gibt zu, sich vorher nicht sonderlich für MAVEN erwärmt zu haben): Das Gefühl, bei einer spannenden Sache dabei zu sein, stellte sich unwillkürlich ein.

Was gäbe man darum, wenn das Rosetta-Projekt die Ergebnisse von mehr als zwei Monaten beim Zielkometen in ähnlicher Weise kommunizieren würde, doch nach ein paar Teasern am Nachmittag des Ankunftstages („Weiter am Nachmittag …“) war da nichts Vergleichbares mehr gekommen. Zwar gibt es Missions-Blog immer wieder Bilder einer Navigationskamera – aber weitgehend ohne wissenschaftlichen Kontext. Und die ganzen Menschen hinter der Mission und ihreren Instrumenten blieben (bis auf einen kurzen Auftritt bei der Bekanntgabe des Philae-Landeortes) unsichtbar.

Eine Frage an die Outreach-Abteilung der MAVEN-Mission, wie es eigentlich zu der heutigen Telecon gekommen und wie aufwändig deren Vorbereitung war, wurde binnen Minuten vom MAVEN Principal Investigator Bruce M. Jakosky vom Laboratory for Atmospheric and Space Physics der University of Colorado höchst persönlich beantwortet. Und die Umstände der Telecon verdienen – auch im Hinblick auf immer wieder kritisierte Defizite diesseits des Atlantik – durchaus Verbreitung.

Frage: War die Telecon schon lange für den Zeitpunkt 3 Wochen nach Mars Orbit Insertion geplant – oder spontan angesetzt worden?

Jakosky: We had not planned to do this briefing, but, to be honest, I saw these images and was so excited that I wanted to share them. We had originally planned a mission status update that likely would have been a posting on the web and would have gone out about a week ago, but dropped that in favor of this briefing.

Frage: Gab es Widerstände der Wissenschaftler, ihre Bilder und Ergebnisse zu präsentieren, vielleicht aus Sorge um Datenklau oder dass die spätere Veröffentlichung in Fachzeitschriften erschwert würde?

Jakosky: No problems with the instrument leads, for two reasons. First is that, as the instruments aren’t yet calibrated, we left scale bars off of the images. Without the calibration, it’s hard to do the quantitative analysis that will lead to real results. Second, as a result, we can’t be accused by the journals of having published our results already; the real results will be the quantitative analysis that is done with these images. Also, most journals have been very understanding of the value of responding to the public’s interest with activities like this, and they recognize that it doesn’t detract in any way from the publication of the results.

Frage: Wie viel Zeit ging dafür drauf, die Visuals und die Präsentationen vorzubereiten?

Jakosky: The team members were putting the visuals together for their own purposes independent of today’s briefing, so most of the effort shouldn’t be „book-kept“ under this briefing. I would say it was no more than a day of each person’s time to do this – to iterate on what figures would be shown and on making them good quality, to arrange the briefing (although NASA HQ did most of the work there), to put together talking points so that we knew in advance what each person would say, and to do a dry run (valuable especially for those who haven’t done this before, but we all did them). To my mind, it’s a day well spent!

Da haben wir sie also, die ‚best practice‘ – ein Beispiel, dem anderswo nicht zu folgen ziemlich schwer zu begründen sein dürfte …

Voll die Kultur heute …

Erst Planet Deutschland -300 Millionen Jahre im Kino (läuft überall nur vormittags oder meistens gar nicht), dann am letzten Tag in der Raumskulptur Kunstmuseum vom „großen Geisterbahn-Bauer der europäischen Kunstszene“: erst nur Tunnel, dann mit einemmal ein Abstellraum und ein Büro. Und plötzlich ist man im Normal-Foyer und den regulären Ausstellungen, v.a. der verlängerten und beeindruckend vielfältigen Sammlung Hense. Und wer gerade €999.- passend dabei hat, kann sechs Fotos von Bochumer Innenräumen mitnehmen, darunter vom Planetarium. Wo gerade dieses Posting entsteht: Der kosmische Kreis schließt sich … Am Abend noch ein Blick in die „Kunstmuseum“-Röhre – was nun wohl daraus wird?

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Der schlechteste Asteroiden-Crash-Film aller Zeiten …

Asteroid vs. Earth – zur Primetime auf Tele 5, seltsamerweise nicht als SchleFaZ deklariert – überbietet an Unterirdischkeit von Plot, Physik und Darstellung all seine illustren Vorgänger noch einmal ein gehöriges Stück. Immerhin bekommen Astro-Fans was zu Lachen: Gleich am Anfang besetzt das US-Militär das Keck-Observatorium auf dem Mauna Kea und macht es zur Kommandozentrale. Der das nicht gut bekommt …

Nachdenken über … den Mond

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So stand er viertel nach sieben am Himmel über Witten-Herbede, 1/4 Stunde nach Sonnenuntergang, über einer Dachkante, die genau der Horizontalen entsprach. Und obwohl die Sonne bereits 2 1/2 Grad unter dem Horizont stand, war der „Dreiviertelmond“ so gekippt, also ob die Sonne von oben rechts auf die Kugel scheinen würde, ein ‚Phänomen‘, das auch schon gestern auffällig gewesen war. Vermutliche – offensichtliche? – Erklärung der vermeintlichen Mondphasen-Fehlfunktion: Die Elongation ist bereits deutlich größer als 90° (nämlich 129°), und der Großkreis, der den Mond – dessen Phase (81% beleuchtet) er genau mittig schneiden muß – und die Sonne verbindet, steigt vom 17° hoch stehenden Mond aus gehend zunächst noch höher, bevor er viel weiter rechts unter den Horizont taucht. Dass das ’normal‘ ist, kann man sich klar machen, wenn man sich mental viel weiter nach Süden begibt, bis zum Äquator: Hier ginge besagter Großkreis sogar nahe am Zenit vorbei, und die Orientierung des zunehmenden Mondes wäre völlig ‚falsch‘.