In den Fernen Osten – Tag 5 (2/2): auf den Spuren der V2 …

Von der Fahrt zur Greifswalder Oie zurückkehrend, kommen abermals das Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und das sowjetische Uboot an der Hafen-Promenade in den Blick, die zu den wenigen aber dafür um so bemerkenswerteren Sehenswürdigkeiten des Dorfes quasi am Ende Deutschlands gehören.





Eine Stelze auf dem weitläufigen Gelände des Historisch-Technischen Museums, das Kraftwerk von dort aus gesehen, eine (wenn auch unter Verwendung von Originalbauteilen) rekonstruierte V2, dahinter ein Wagen der Werksbahn, der Teil des Kraftwerks, der als Ausstellungsraum dient, und ein Blick von dort aus dem 2. Stock zurück auf’s Freigelände mit V2, V1 und deren Abschussrampe: hier mehr Impressionen.

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Die aktuelle Sonderausstellung „Operation Crossbow“ kommt zwar spröde daher, fast nur detailvolle Schrifttafeln und kaum Artefakte. Aber wenn man sich darauf einlässt, werden die Zeit der HVA und die – trotz massiver Einsätze letztlich gescheiterten – Versuche der Briten und Amerikaner, sie zu stoppen, außerordentlich lebendig. Und es wird deutlich wie selten, dass es dabei nur Opfer und keine Sieger gab …

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Die permanente Ausstellung im Kraftwerk beginnt ausgiebig mit der Vorgeschichte der HVA: der weltweiten Raketen-Begeisterung Anfang des 20. Jahrhunderts – allein schon dieser Teil ist ein ‚must‘ für Geschichtsfans.

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Das Thema Raketentechnik – und warum Peenemünde tatsächlich die ‚Wiege der Raumfahrt‘ weltweit war – kommt vor lauter (vollauf berechtigter und notwendiger!) historischer Einordnung nurmehr am Rande vor. Am meisten noch in diesem einen Raum, wo auch etwas echte Hardware zu sehen ist: ein Kinothedolit der Fa. Askania von ca. 1940 zur Bahnverfolgiung der Raketen und ein paar Reste einer V2.

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Für Musik war immerhin gesorgt …

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Und hier die vollständigste Original-Komponente eines Aggregat 4: ein Triebwerk aus der letzten V2-Produktion des Mittelwerks im Frühjahr 1945. Gezeigt in der ausnehmend dunkel gehaltenen und hier vom Blitz erhellten Abteilung über das KZ Mittelbau-Dora, wo die Massenproduktion erfolgte.

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Im riesigen Ex-Kraftwerk der HVA wäre noch viel Platz für weitere große Ausstellungen, aber die wollen a) finanziert und b) konzipiert sein – und da wird auf das Historisch-Technische Museum immer wieder Druck ausgeübt, was die Gratwanderung zwischen Technik & Historie nicht eben leichter macht. Im Ausland ist die deutsche Raketen-Historie dagegen Ziel von regelrechten ‚Wallfahrten‘ – und selbst die innovative TV-Technik am Prüfstand VII wird in Kanada als Vorbild gesehen …

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Noch ein kleines „Fundstück“ echter A4-Hardware in der Dauerausstellung: ein Zerstäuber für flüssigen Sauerstoff („A-Stoff-Zerstäuber“). Das war’s aber auch schon weitgehend: Ein Raumfahrt-Museum ist das HTM Peenemünde gewiss nicht.

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Aus der Abteilung zu den Nachwirkungen der A4 ein bemerkenswertes Zeitungscover nach dem Start des Sputnik 1, das Amateurastronomen(!) als Aufmacherbild zeigt. „Die Funksignale des roten Mondes werden gut gehört“, heißt es in der BU, „über optische Beobachtungen liegen indes keine zuverlässigen Angaben vor. In vielen Ländern versuchen Amateur-Astronomen, mit Gläsern und Fernrohren bewaffnet, den Erdsatelliten zu entdecken.“

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Das letzte Wort in der Ausstellung hat Kant: Herr von Braun, so wird impliziert, habe den ersten Teil verinnerlicht, den zweiten aber nicht.

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Bemerkenswerter anonymer Eintrag im Gästebuch von heute: Das moralische Dilemma von damals gibt es auch in der Gegenwart. Was Museen wie dieses auch so wichtig macht.

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Kürzlich wurden weitere Teile des Kraftwerks erschlossen, wofür es auch schon einen Denkmalschutz-Preis gab. Hier geht es um reine Energietechnik, mit Raumfahrt direkt hat es nichts zu tun.

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Angemessenen düstere Stimmung über dem symbolträchtigen Gelände …

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… und die – für diesen Blogger schon ‚traditionelle‘ – Kurzvisite in den Ruinen des Sauerstoffwerks durch das bekannte Loch im Zaun (und demnächst erhobenen Hauptes?): Teil der Denkmal-Landschaft Peenemünde, zu der auch …

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… dieses Ehrenmal für die KZ-Häftlinge gehört, die in Peenemünde arbeiten mussten, zwischen Karlshagen und Trassenheide gelegen und bisher immer übersehen.

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Ausklang des Tages an der Seebrücke von Zinnowitz, dem ersten großen Seebad von Peenemünde kommend. (Und derweil in der Heimat …)

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9 Gedanken zu “In den Fernen Osten – Tag 5 (2/2): auf den Spuren der V2 …

  1. Hallo Daniel, man konnte von Flugplatz in Peenemünde zumindest vor ein paar Jahren immer noch Bustouren zu den Überresten vom Prüfstand VII unternehmen. Allerdings soll das ganze Gebiet bald für die Öffentlichkeit gesperrt und zum Naturschutzgebiet erklärt werden.

    Viele Grüße

    Manfred

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    • Das HTM hatte mir am 20. August mitgeteilt: „Führungen zum Prüfstand VII sind derzeit leider nur eingeschränkt möglich, da das Gelände bis heute munitionsbelastet und zudem ein Naturschutzgebiet der obersten Stufe ist, Eigentümer ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU). Das HTM hat generell die Möglichkeit, in geführten Touren einige Besucher zum Prüfstand VII zu geleiten. Dafür ist jedoch jeweils eine Sondergenehmigung zu beantragen, weshalb diese Touren nur mit Voranmeldung organisiert werden können. Auch aus Gründen des Naturschutzes ist die Anzahl der Besucher limitiert.“

      Während man in diesem Wikipedia-Artikel liest: „Die Areale aller Startstellen und Prüfstände im Gebiet Peenemünde sind wegen der vermuteten Munitionsreste nicht öffentlich zugänglich. Die Anlagen wurden ab 2010 von der Denkmalpflege besichtigt, vermessen, fotografiert und dokumentiert und sind als Bodendenkmale eingestuft. Der Prüfstand VII soll vom Munitionsbergungsdienst geräumt und dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“ Leider fehlt für die letztere – bemerkenswerte – Aussage eine Quellenangabe, auf die Wikipedia doch solchen Wert legt …

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  3. Hallo Daniel,

    bei meinem letzten Besuch dort http://astroholl.blogspot.de/2011/09/besuch-in-peenemunde-4.html war es so, dass das Museum nicht auf die von einem Verein organisierten Touren hinwies, weil der Investor, der aus dem Museum ein Eventzentrum machen wollte, den Verein rausgeworfen hatte. Erinnert mich irgendwie an das Verhältnis zwischen dem Planetarium Hamburg und der GvA.

    Auf die Touren wurde seinerzeit nur am Flugplatz hingewiesen, vgl. http://www.foerderverein-peenemuende.de/infoblatt0111/inbl0111.htm. An bestimmten Tagen gab es Stichfahrten zum Prüfstand VII. Ob das allerdings auch heute noch so ist, weiß ich nicht. Es gab damals einen großen politischen Streit zwischen den Grünen, die alles zum NSG erklären lassen wollten, Historikern, die die Stätten zeigen wollten und Leuten aus CDU und SPD sowie Linken, die einfach alles nur einzäunen und vermeiden wollten, dass das Gelände zur NS-Kultstätte wird.

    Andererseits erzählte uns bei der Tour einer der Guider, dass es nicht stimmen soll, dass das Gelände immer noch munitionsverseucht sei, weil er seinerzeit zu einem Minenräumkommando der NVA gehörten, das Gelände geräumt hatte und eine weit größere Gefahr von Wildtieren ausginge …

    Viele Grüße

    Manfred

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